Der Weihnachtskarpfen

von  Gerd Wolfgang Sievers

In vielen mitteleuropäischen Haushalten ist der Karpfen, insbesondere in der allseits beliebten gebackenen Form auf Erdäpfelsalat gebettet, das Festessen für den Heiligen Abend schlechthin. Doch wie kam es eigentlich dazu, dass ausgerechnet der Karpfen zum weihnachtlichen Fisch werden konnte?

Die Beliebtheit des Karpfens zu Weihnachten hat bei näherer Betrachtung mehrere Gründe. Der kulinarisch wichtigste ist mit Sicherheit die Tatsache, dass das Karpfenfleisch in der kalten Jahreszeit am wohlschmeckendsten ist. Auch wenn er das ganze Jahr über aus Teichwirtschaften angeboten wird, am schmackhaftesten ist er zweifellos im Herbst und Winter. Dass der Karpfen ausgerechnet zum Fest von Christi Geburt auf der Tafel gelandet ist, hat natürlich auch seine mythologischen und theologischen Wurzeln:

Lange Zeit war man der Ansicht, dass der Karpfen geschlechtslos sei und samenlos dem Wassergrunde entspringen würde; somit eignete er sich vortrefflich als essbare Metapher für die „Jungfrauengeburt“. In längst vergangenen Zeiten wollten ganz besonders gläubige (und wohl auch phantasievolle) Menschen am Schädel des Fisches die Marterwerkzeuge Christi erkannt haben.

Etwas profaner erscheint da schon der alte Aberglaube, dass Karpfenrogen, am Weihnachtsabend genossen, Glück bringen solle. Aus welchem Grunde auch immer: Karpfen ist als Weihnachtsessen in vielen mittel- und osteuropäischen Küchen zu finden, was sicherlich nicht zuletzt auch darauf zurückzuführen ist, dass es sich dabei um eine Fastenspeise handelt und am Heiligen Abend strenggenommen noch das Fastengebot Geltung hat!

Für das immer wiederkehrende traute Nebeneinander von Weihnachtskarpfen und Weihnachtsgans gibt es ebenfalls eine einleuchtende Erklärung, die nichts mit dem Christentum gemeinsam hat (außer vielleicht der Tatsache, dass beide als Fastenessen erlaubt waren, da im Wasser lebend), sondern ganz profaner Art ist: Die Wurzeln für diese Zweisamkeit finden sich in der alten Donaumonarchie, wo nämlich die Karpfen meist auf den selben Höfen wie Gänse und Enten gezüchtet und gemästet worden sind. Der Grund dafür ist, dass sich der reichhaltig vorhandene Geflügelmist als geradezu ideales Karpfenfutter erwiesen hatte. Denn in Teichen, wo Gänse und Enten ihr Unwesen trieben, wurden (und werden immer noch) die Karpfen wesentlich größer, fleischiger und g’schmackiger, wie man so schön sagt. 

 

 

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  2010-04-02
  Der Weihnachtskarpfen